schließen
Wird geladen...

Innovation goes Verlagsbranche 21.07.2022

Fünf Start-ups stehen in der Endrunde des CONTENTshift-Accelerators. Alle haben innovative Ideen und Konzepte, von denen auch die Buchbranche profitieren kann.
 

ACTitude: Gelassen bleiben

Wie kann man lernen, mit Belastungen des Alltags wie Stress oder Selbstzweifel umgehen? Diese Frage trieb die Psychologinnen Diana Huth und Theresa Frank um. „Uns geht es darum, Menschen nicht erst zu helfen, wenn es zu spät ist“, erläutert Huth, die in einer Rehaklinik gearbeitet hat, den Gedanken hinter ACTitude. Ihr Start-up bietet präventive Onlinekurse, die ansetzen, bevor eine psychische Erkrankung diagnostiziert wird. Das Ganze basiert auf der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT), deren Idee es ist, nicht veränderbare Situationen zu akzeptieren und sich auf die Dinge zu fokussieren, die wir aktiv tun können. Huth illustriert dies mit einem simplen Beispiel: Beim Zugausfall nicht ärgern, sondern stattdessen ein Eis essen gehen.

Vermittelt werden die psychologisch-edukativen Kurse über verschiedene Medien wie Videos, Audios oder Arbeitsblätter. „Der Stressbewältigungskurs ist zertifiziert, deswegen gibt es konkrete Vorgaben. Unsere weiteren Kurse nutzen personalisierte Lernpfade, denn es gibt nicht den einen, sondern nur deinen Weg.“ Die Zielgruppe von ACTitude ist breit gefächert. „Allein in Deutschland sind 18 Millionen Menschen psychisch belastet, aber nur drei Millionen suchen professionelle Hilfe.“ Mit der Buchbranche wiederum sind Kooperationen denkbar: „Gerade im Fachbuch gibt es Autor*innen mit viel Wissen; für unsere Spezialkurse fragen wir Expert*innen an“, erläutert Huth. „Das sind zwei Welten, die sehr gut verzahnt sein können. Beide Seiten, wir Medienexpertinnen und die Verlage, profitieren voreinander.“

  • Start-up: ACTitude
  • Geschäftsidee: psychologische Onlinekurse auf Basis der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT)
  • Zielgruppe: alle, die sich gestresst fühlen und die der Alltag belastet
  • Gegründet von: Diana Huth und Theresa Frank
  • Web: www.actitude.de

Foto: © ACTitude

Diana Huth und Theresa Frank von ACTitude

  • Start-up: enna
  • Geschäftsidee: enna vereinfacht die Nutzung digitaler Anwendungen (etwa Videotelefonie, digitale Fotoalben)
  • Zielgruppe: Senior*innen, Menschen mit Behinderungen
  • Gegründet von: Jakob Bergmeier, Tim Haug, Moritz Kutschera
  • Web: www.enna.care

Foto: © enna systems GmbH

enna Team

enna: Tür zur digitalen Welt

Das Problem ist lange bekannt: Vor allem Senior*innen und behinderte Menschen schrecken davor zurück, Smartphones und Tablets zu benutzen – oder sind motorisch gar nicht dazu in der Lage. Umso erstaunlicher, dass es bisher keine praktikablen Lösungen dafür gab. Enna ist gekommen, um das zu ändern: Die Gründer des Start-ups haben ein Dock entwickelt, das als eine Art Adapter zwischen Tablet und Nutzer*in fungiert. Dieses Dock mit nur zwei Tasten ist ein simples Bedienelement, damit Oma und Opa durch die Fotos der Enkel*innen scrollen, Anrufe entgegennehmen oder sich YouTube-Videos anschauen können. Es ist aber die Familie, die sich um die Bedienung kümmert. „Man muss sich das ein wenig wie ein eigenes Social-Media-Netzwerk vorstellen“, erläutert Mitgründer Moritz Kutschera das Konzept.

Die Daten sind in einer Cloud gespeichert und werden mit den „enna Cards" bedient, die man einfach nur auflegen muss. Kuratiert werden die Inhalte entweder von enna oder von den Angehörigen der Nutzer*innen, um sie dann gegen ein kleines Geld zu kaufen oder zusammen mit Dock und App (und bei Bedarf einem Tablet) im monatlichen Abo zu mieten. In der Testphase mit Pflegeheimen kam enna sehr gut an, im Juli geht das Start-up auch den B2C-Markt an. Dass das gut funktionieren wird, daran hat Kutschera keinen Zweifel. „Es gibt so viel Content – und dabei wird vergessen, dass es einigen Menschen nicht möglich ist, diesen zu genießen. Unsere Mission ist es, den Leuten die Tür zu öffnen, sich selbstbestimmt und frei in der digitalen Welt bewegen zu können.“


Heimsafari: Schnitzeljag via App

Als die Bewegungsfreiheit während der Hochphase der Pandemie massiv eingeschränkt war, musste Johannes Wöhler kreativ werden, um seine Kids zu beschäftigen: Wie kann man aus seinem Zuhause einen Abenteuerspielplatz machen? Wöhler, der aus der Softwareentwicklung kommt, entwarf die App Heimsafari: eine Art Schnitzeljagd, die teils digital, teils analog funktioniert. „Die Idee ist, dass die Eltern Rätselblätter ausdrucken und verstecken, die die Kinder mithilfe von Heimsafari finden und lösen müssen“, erklärt der Gründer. Es wird gebastelt und geknobelt und der entschlüsselte Code schließlich in die App eingegeben. Optimal ist das natürlich in einem Haus oder im Garten, für kleinere Wohnungen gibt es aber auch die Option, das Spiel am Tisch zu lösen.

Bisher enthält Heimsafari drei verschiedene Abenteuergeschichten, die in rund einer bis anderthalb Stunden gelöst werden können. Die Zielgruppe sind Kids im Grundschulalter, den Rahmen möchte Wöhler aber bald ausbauen. Und die Spielstätte über das eigene Zuhause hinaus erweitern: „Ich kann mir eine Zusammenarbeit mit Zoos und Museen vorstellen, außerdem wäre es denkbar, die App im Schulkontext, etwa nach einer abgeschlossenen Unterrichtseinheit, zu verwenden.“ Langfristig wünscht er sich Kooperationen mit Verlagen, um Abenteuer auch in bekannten Buchwelten spielen zu lassen oder Storys mit Sachbuchthemen zu entwickeln; eine Reihe mit Tierdetektivgeschichten ist bereits in Planung. Der Erfolg von Heimsafari beflügelt ihn: Bisher wurde die App gut 6.000 Mal heruntergeladen, mehr als 1.200 Geschichten durchgespielt, sprich: alle Rätsel gelöst.

  • Start-up: Heimsafari
  • Geschäftsidee: Schatzsuche für zu Hause, analoge Verstecke werden mit app-basierten Rätseln und Abenteuern kombiniert
  • Zielgruppe: aktuell Kinder im Grundschulalter
  • Gegründet von: Johannes Wöhler
  • Website: www.heimsafari.de

Foto: © Dominique Brewig

Johannes Wöhler

  • Start-up: Immer
  • Geschäftsidee: Die App optimiert Bücher fürs Handy oder Tablet, etwa durch Positionsanzeige und Portionierung der Texte
  • Zielgruppe: für alle, die digital besser und mehr lesen wollen
  • Gegründet von: Niels ’t Hooft, Lennart de Meij
  • Website: www.immer.app/en/reader/

Foto: © Lars Beekman

Niels ’t Hooft

Immer.App: Häppchenweise lesen

Wie kann man wieder mehr Menschen für das Lesen begeistern? Eine Frage, die nicht nur die gesamte Buchbranche umtreibt, sondern auch das Team der niederländischen App Immer rund um Niels ‘t Hooft. Immer – übrigens ein Wortspiel mit dem holländischen wie deutschen Wort „immer“ und dem auch im Englischen geläufigen „Immersion“ – hat einen Lösungsansatz: Das Lesen am Smartphone muss erleichtert werden. „Verlage gestalten Bücher mit viel Aufwand, nur um das physische Exemplar dann ohne Liebe zum Detail einfach in eine digitale Datei zu konvertieren“, sagt Gründer ‘t Hooft.

Der Vorteil der Immer.App im Vergleich zu konventionellen E-Books oder zum PDF ist, dass das Start-up eine Typografie entwickelt hat, die den Text auf kleinem Bildschirm besser lesbar macht, mit kleineren Portionen und kontextuellen Markierungen. Dank der einfachen Navigation macht es die Immer.App Nutzer*innen leicht, sich einen Überblick über ein Buch zu verschaffen und darin zu blättern. „Unser Ziel ist es, das Leseerlebnis digital genauso zu gestalten wie auf Papier – oder sogar noch besser.“ Nicht zuletzt will das Start-up Leserinnen und Lesern die „Angst“ vor dicken Büchern nehmen, indem der Text nur portionsweise angezeigt wird. So kann man sich auch zwischendurch oder unterwegs für 15 Minuten in ein Buch vertiefen – „und ehe man’s sich versieht, hat man das Kapitel schon gelesen“. Nach einer langen Erprobungsphase mit 10.000 Tester*innen kommt die Immer.App diesen Sommer auf den Markt. In den Niederlanden arbeitet das Start-up schon mit allen großen Verlagen zusammen, deren E-Books im App-eigenen Store gekauft werden können; jetzt hofft das Team auf das Interesse deutscher Verlage.


QuizCo: Lernen macht Spaß!

Ob kompetitiv oder verspielt – QuizCo holt alle Lerntypen ab. Die Idee zur App entstand, als Maximilian Friedrich vor einigen Jahren beim Nachhilfeunterricht merkte, dass sich sein Schüler lieber mit „Quizduell“ als mit dem Lernstoff beschäftigte. Die Lösung: Wissen über Gamification-Ansätze zu vermitteln. „Wir haben eine KI entwickelt, mit der PDFs, Websites und Videos umgewandelt werden in Zusammenfassung des Inhalts – oder aber Karteikarten zum Lernen, Quiz- oder Multiple-Choice-Fragen“, erläutert Jacob Cordts, der das Start-up gemeinsam mit Wiebke Barth und Maximilian Friedrich gegründet hat. Das Ziel: Lernen nachhaltig zu gestalten und Wissen langfristig im Gedächtnis verankern. Beides ist laut QuizCo vor allem über den Spaß- und Wettstreitfaktor zu erreichen.

Das 17-köpfige QuizCo-Team hat sich auf Firmen spezialisiert, für die vor allem der wirtschaftliche Aspekt relevant ist, um etwa bei der Weiterbildung Zeit, Geld und Personal zu sparen. Aber auch für Universitäten ist die Software sinnvoll: „Skripte, Präsentationen sowie Kapitel aus Büchern können zum Beispiel zu Vorbereitungsaufgaben für Prüfungen verarbeitet werden.“ Das läuft so erfolgreich, dass das Start-up zusammen mit einem Partner jetzt den Markt in Australien und Neuseeland erobern will. Und in der Verlagswelt baut QuizCo darauf, digitale Zusatzangebote zu Büchern zu generieren. Denn, wie Cordts sagt: „Es gibt so wahnsinnig viel Material. Wir müssen nur einen Draht zueinander finden.“

 

Text: Isabella Caldart

  • Start-up: QuizCo
  • Geschäftsidee: Lernen durch Gamification. Vorhandene Unterlagen werden per Knopfdruck zu Quizfragen, Lückentexten, Karteikarten
  • Zielgruppe: Firmen, Universitäten, Schulen – und alle, die lernen
  • Gegründet von: Wiebke Barth, Jacob Cordts, Maximilian Friedrich
  • Website:www.quizco.de

Foto: © Philipp Hannappel

Jacob Cordts

Hier finden Sie uns auch
Wird geladen...